Schloss Uni Münster
Das Schloss Münster ist Sitz der Universitätsverwaltung | Foto: Frank Biermann

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07.03.2017

Plagiatsfälle Uni Münster

Plagiate an der Uni Münster: 8 Mediziner verlieren ihren Doktortitel

Die Plagiatsjäger von VroniPlag haben wieder zugeschlagen. Diesmal betroffen ist die medizinische Fakultät der Uni Münster. Von 23 Verdächtigen haben acht ihren Doktortit ... mehr »

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24. Mär 2017

Frank Biermann

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Universität Münster entzieht weitere Doktortitel

Der aktuelle Stand der Plagiatsaffäre

Der aktuelle Stand der Plagiatsaffäre in Münster

Damit zieht die Plagiatsaffäre an der Universität Münster immer weitere Kreise. Zuvor war schon acht Medizinern der Titel abererkannt worden (UNICUM berichtete). Nur drei Fälle sind bislang rechtskräftig. Fünf der Ex-Doctores haben gegen den Titelentzug inzwischen Klage vor dem Verwaltungsgericht Münster eingereicht. In einem Fall hat die Universität bereits Recht bekommen. Die Klage der Medizinerin wurde ohne mündliche Verhandlung abgewiesen, eine Revision vom Gericht nicht zugelassen. Gegen die Nichtzulassung der Revision hat die Medizinerin Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht NRW eingelegt. Es könnte also noch zu längeren juristischen Auseinandersetzungen kommen.

Ob es zu weiteren Titelentzügen an der Medizinischen Fakultät kommt, ist derzeit noch nicht abzusehen. Die Internetplattform Vroni Plag Wiki, so ihr Sprecher Prof. Gerhard Dannemann hat die Universität Münster schon vor drei Jahren mit zehn weiteren "qualitätsgesicherten Dokumentationen von ganz erheblichem wissenschaftlichen Fehlverhalten" konfrontiert. Diese hat darauf bislang nur mit zwei Rügen, aber nicht mit weiteren Titelentzügen reagiert.

Streitpunkt: Müssen die Namen der Betroffenen öffentlich gemacht werden?

Zwischen der Internetplattform und der Uni Münster ist es zum Streit darüber gekommen, ob die Namen der betroffenen Medizinerinnen und Mediziner, denen der Titel entzogen worden ist, öffentlich gemacht werden sollten. Die Universität Münster stellt sich auf den Standpunkt, so ihr Sprecher Norbert Robers, das die "Namen der Betroffenen dem Datenschutz unterliegen, eine Promotion ist kein öffentlicher Vorgang."

Gerhard Dannemann sieht das anders und hält dagegen: "Natürlich sind Promotionen öffentliche Vorgänge. Der Doktorgrad darf gar nicht verliehen werden, bevor die Publikation der Dissertation sichergestellt ist. Das hat übrigens Theodor Mommsen im 19. Jahrhundert durchsetzen können, um eine damalige Plagiatswelle und den lukrativen Verkauf von Doktortiteln einzudämmen."

Das Beharren der Universität auf dem Datenschutz für die Betroffenen hat zur Folge, dass die Aufsichtsbehörde für die Mediziner, die sich in Westfalen-Lippe niedergelassen haben, die Ärztekammer Westfalen-Lippe keine berufsrechtliche Verfahren gegen die unsauber wissenschaftlich arbeitenden Mediziner einleiten kann. Ärztekammer-Pressesprecher Volker Heiliger gegenüber UNICUM: "Wir wissen die Namen nicht".

Wären sie bekannt, würden vom Vorstand der Kammer berufsrechtliche Verfahren eingeleitet, die mindestens mit einer Rüge und möglicherweise mit einer Geldstrafe in Höhe von bis zu 50.000 Euro geahndet würden. Allerdings gibt es in berufsrechtlichen Fragen eine Verjährungsfrist von fünf Jahren. Warum die Universität die Namen der Betroffenen nicht zeitnah an die Kammer weitergegeben hat, dazu schweigt sie sich aus.

Für die Uni Münster scheint das letzte Wort schon gesprochen zu sein

In einer inzwischen von der Universität Münster zur Plagiatsaffäre herausgegebenen Pressemitteilung lobt sich die Universität Münster für das gelungene Krisenmanagement: "Die von der Medizinischen Fakultät eingesetzte Untersuchungskommission hat alle Verdachtsfälle zügig untersucht, der Fachbereichsrat der Fakultät hat konsequent entschieden" wird dort der Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels zitiert.

"Das begrüße ich sehr, weil es im Interesse der Wissenschaft insgesamt und der großen Mehrheit der ehrlichen Promovierenden ist, die die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis befolgen".

Ob es der Universität Münster tatsächlich gelungen ist, schon einen endgültigen Schlußstrich unter die Plagiatsaffäre zu ziehen, darf bezweifelt werden.

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 28. Mär 2017 um 19:43 Uhr von Ansgar Redel
Schlechte Recherche!!! Dazu schrieb schon die Halterner Zeitung vor Jahren: Kammerpräsident über Plagiate in der MedizinMogel-Ärzte müssen nicht mit Strafen rechnen MÜNSTER Mogelei bleibt ohne standesrechtliche Folgen: Mediziner, denen die Uni Münster den Doktortitel wegen nachgewiesener Plagiate entzogen hat, müssen nicht mit Strafen durch die Ärztekammer rechnen. Das hat Kammerpräsident Theodor Windhorst jetzt betont. Quelle: https://www.halternerzeitung.de/staedte/muenster/48143-M%FCnster~/Kammerpraesident-ueber-Plagiate-in-der-Medizin-Mogel-Aerzte-muessen-nicht-mit-Strafen-rechnen;art993,2384095
Veröffentlicht am 31. Mär 2017 um 22:54 Uhr von Dr. Frank Biermann
den Vorwurf "schlechte Recherche" hört man als präziser und zuverlässig recherchierender Journalist natürlich nur sehr ungern und lässt ihn auch nicht gerne unkommentiert im digitalen Raum stehen. Egal was Kammerpräsident Theodor Windhorst zu dem Thema mal gesagt hat, ich konnte in dem aktuellen Fall ja nur die Auskunft wiedergeben, wie sie mir vom Pressesprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe übermittelt worden ist. So steht sie ja auch im Text. Im Moment ist die Ärztekammer überhaupt nicht in der Lage, berufsrechtliche Verfahren einzuleiten, weil ihr die Namen der vom Titelentzug betroffenen Medizinerinnen und Mediziner bis heute (30.3.) nicht übermittelt worden sind. "Es gibt da keinen neuen Sachstand", so Kammer-Sprecher Volker Heiliger. Entscheiden über das weitere Vorgehen der Kammer in dieser Frage tut ja auch der nicht der Kammerpräsident allein, sondern der Vorstand der Kammer.
Veröffentlicht am 04. Apr 2017 um 17:20 Uhr von Dr. Frank Biermann
Ich habe mich als Autor dieser Geschichte für unicum.de mal beim Pressesprecher der Universität Münster nach den Gründen erkundigt, warum sie der Ärztekammer Westfalen-Lippe noch nicht die Namen der vom Titelentzug betroffenen Medizinerinnen und Mediziner mitgeteilt hat, damit von dort ggfs. berufsrechtliche Verfahren eingeleitet werden. Hier die Antwort: "Ihre Frage beantworte ich wie folgt: Mit der Promotion ist der Nachweis einer über das allgemeine Studienziel hinausgehenden Befähigung zu selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit verbunden (§ 67 Abs. 1 Satz 1 HG). Sie ist vollkommen unabhängig von der durch den erfolgreichen Abschluss des Medizinstudiums und die Approbation festgestellten Befähigung und Berechtigung zur Ausübung der ärztlichen Tätigkeit/des Arztberufes. Mit anderen Worten: Die Promotion spielt für die Approbation keine Rolle. In § 39 der Approbationsordnung können Sie detailliert nachlesen, welche Bedingungen für den "Antrag für Approbation" erfüllt sein müssen - eine Promotion zählt nicht dazu. Fazit: Promotion einerseits und Qualifikation für den Arztberuf sowie Ausübung des Arztberufes andererseits sind zwei verschiedene Dinge. Daher haben wir der Ärztekammer auch keine Mitteilung gemacht."
Veröffentlicht am 14. Apr 2017 um 01:13 Uhr von Herbert Mundhenke
Lieber Herr (Dr.) Biermann, von einem Redakteur, der sich zudem für die Belange und Qualität des Journalismus einsetzt, würde man doch etwas mehr Tiefe erwarten. Eine Promotion ist keine öffentliche Angelegenheit? Das ist Kappes, das sollten Sie als selbst Promovierter wissen. Eine Doktorarbeit MUSS veröffentlicht werden, sei als Buch, als Aufsatz oder durch Pflichtexemplare, andernfalls darf man den Titel gar nicht führen. Mit diesen Fakten hätten Sie den Pressesprecher doch mal konfrontieren können. Insofern kommt man auch leicht an die Namen der Plagiatoren - wenn nicht über Vroniplag, so doch bei Interesse über das deutschen Bibliothekensystem. Zum Umgang mit entzogenen Doktortiteln bzw. mit den dahinter stehenden Publikationen hätte Ihnen ein Mitarbeiter jeder Uni-Bibliothek (z.B. in Münster) mehr sagen können. Des Weiteren hätten Sie der erste Journalist in dieser Plagiatsberichterstattung sein können, der das eigentliche münstersche Dilemma erkennt bzw. sogar thematisiert. Vertane Chance. Die münsterschen Mediziner waren nämlich einfach (zu?) früh dran mit der Möglichkeit, Promotionen auch digital einzureichen. Münster ist weder "besser" oder "schlechter" als andere Standorte - sondern man hatte nur schlichtweg das "Pech", dass mehr "Material" zur Verfügung stand, das vroniplag dann per Software vergleichen konnte ... Eine simple Google-Recherche hätte Ihnen das offenbart, denn die Zahlen gibt es sogar online: http://www.uni-muenster.de/ZBMed/aktuelles/wp-content/uploads/diss-digital2.png Schlauerweise hat die Uni Münster dieses Argument nicht zur Verteidigung genutzt, denn man hätte damit ja zwangsläufig indirekt die Kollegen andernorts reingeritten ... So viel Recherche darf man heute wohl nicht mehr erwarten bzw. soviel Platz für komplexe Zusammenhänge räumt kein Auftraggeber mehr ein (das zielt explizit NICHT auf den "Lügenpresse"-Verschwörungstheorie-Quatsch, sondern sind halt leidige Folgen der heutigen Medienökonomie). Was allgemein den Wert vieler medizinischer Promotionen betrifft, darüber muss man sicher nicht streiten. Selbst der Wissenschaftsrat hat den deutschen Medizinern wiederholt die Leviten gelesen. Und noch was: Es gibt sehr wohl juristische Präzedenzfälle zum Verhältnis "nur Arzt sein" und "Dr.-Titel haben". So wurde vor einigen Jahren ein "Schönheitschirurg" verklagt, bei dem die OP in die Hose gegangen war. Die betroffene Dame vertrat den Standpunkt, der Dr.-Titel (den der Arzt noch nicht führen durfte) habe ihr Vertrauen in den Arzt gestärkt, ohne den Titel hätte sie sich nicht operieren lassen. Alles nachzulesen im "Spiegel". Die Wirklichkeit ist eben komplizierter als die üblichen 70-Zeilen-Artikel. In diesem Sinne.
Veröffentlicht am 08. Jun 2017 um 13:09 Uhr von Dr. Frank Biermann
Lieber Herbert Mundhenke, ich bin da ganz bei Ihnen, natürlich ist zu dem vielschichtigen Thema längst noch nicht alles gesagt worden. Und sie haben völlig recht, bei jedweder Recherche insbesondere von freien Journalisten greifen natürlich auch die Gesetze der Medienökonomie, deswegen möchte ich hier und heute auch gar nicht auf jedes ihrer Argumente eingehen. Eines möchte ich jedenfalls klarstellen: Natürlich sind Promotionen öffentliche Vorgänge. Das es sich dabei um einen nicht-öffentlichen Vorgang handelt, ist eine Rechtsauffassung der Universität Münster, die bis heute nach meiner Kenntnis dazu geführt hat, dass weder die Ärztekammer Westfalen-Lippe noch die besonders betroffene Zahnärztekammer Westfalen-Lippe eine Liste mit den Namen der vom Titelentzug betroffenen Medizinerinnen und Medizinern von der Universität Münster bekommen hat, um entsprechende berufsrechtliche Verfahren einzuleiten.. Wobei es natürlich völlig richtig ist, dass man nicht unbedingt einen Doktortitel braucht um den Berufs des Arztes auszuüben, dazu reicht die Approbation. Über die Klagen betroffener MedizinerInnen gegen den Titelentzug vor dem Verwaltungsgericht Münster ist bis heute nach Auskunft des Gerichtssprechers bis auf einen Fall noch nicht entschieden worden.