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26. Aug 2014

Christoph Köchy

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UNICUM trifft: Pokerstar Liv Boeree

-ARCHIV-

Die Engländerin über Poker und ihre ungewöhnliche Karriere-Laufbahn

"Die Frage war: Meteorologie oder Astrophysik?"

UNICUM: Viele Pokerspieler haben einen Uni-Abschluss, aber du bist die wohl einzige mit einem in Astrophysik. Warum hast du dich ausgerechnet dafür entschieden?
Liv Boeree: Ich habe mich schon als Kind für den Weltraum interessiert, seitdem ich ein Buch über Menschen im All geschenkt bekam. Im Lauf der Zeit habe ich immer mehr Gefallen an Physik und Mathematik gefunden. Es fasziniert mich, wie die Atmosphäre funktioniert und das Wetter entsteht. Mit den "großen Fragen" habe ich mich gerne beschäftigt und vor dem Studium stand ich nur noch vor der Entscheidung, ob es Meteorologie oder Astrophysik werden soll. Da die University of Manchester im Ranking bei Astrophysik ganz oben stand, habe ich mich dann dafür entschieden.

Und welchen Karriereweg wolltest du nach dem Studium eigentlich einschlagen?
Der ursprüngliche Plan war, an der Uni zu bleiben. Ein bestimmtes Forschungsfeld suchen, spezialisieren, promovieren, lehren usw. Aber bereits in meinem zweiten Studienjahr verspürte ich den Drang, noch einmal etwas anderes zu erleben als die Uni, also beschloss ich, vor dem Masterstudiengang ein Jahr nach London zu gehen. Dort entdeckte ich dann das Pokerspiel...

... und vorbei war es mit der akademischen Laufbahn ...
(lacht) Auf einmal sah ich noch so viele andere Dinge, die ich erleben wollte, bevor ich mich komplett der Wissenschaft hingeben würde. Ich hatte ja meinen Abschluss und wusste, dass ich jederzeit an die Uni zurück konnte. Aber auf einmal spielte ich Poker an fantastischen Orten, fing nebenbei an zu modeln – dagegen erschien die Uni nicht mehr so attraktiv.

Für mehr Frauen im Poker und der Physik!

Von einem männerdominierten Studiengang zum männerdominierten Poker ...
An der Uni ging das ja noch, in meinem Studiengang waren circa 20 Prozent Frauen. Im Poker ist die Anzahl weiblicher Spielerinnen immer noch sehr, sehr gering.

Woran liegt das, sowohl in Physik als auch im Poker?
Vielen Mädchen wird suggeriert, Naturwissenschaften wären "nicht ihr Ding". Hier sind die Eltern gefragt, die ihren Kindern alle Möglichkeiten offenhalten sollten. Meine Mutter hat mir immer gesagt, ich sei gut in Mathe. Ich konnte das als Kind gar nicht richtig einschätzen, entwickelte aber ein gewisses Selbstbewusstsein daraus. Es geht einfach darum, die Sichtweise seiner Kinder nicht einzuengen und ihnen nicht bestimmte Fächer vorzuenthalten, nur weil immer noch ein bestimmtes Rollenbild vorhanden ist. So kommt es eben auch, dass viele Frauen denken, sie könnten nicht so gut pokern wie Männer.

Würdest du das Studienfach anderen jungen Frauen und Mädchen empfehlen?
Absolut. Diese Vorurteile, Physik sei nichts für Frauen, existieren noch, obwohl es natürlich heute schon viel besser als noch vor 30 Jahren ist, aber ich kann allen Mädchen nur sagen: Akzeptiert das nicht! Wenn ihr etwas mögt, dann tut es doch einfach, egal, ob es "typisch männlich" ist.

"Nine-to-Five ... puh, das geht gerade nicht mehr"

Hast du durch das Studium analytische Fähigkeiten erworben, die dir jetzt beim Poker helfen?
Definitiv. Gerade in der Physik musst du ja oft sehr genau Zusammenhänge analysieren. Das hilft mir schon sehr in der Nachbereitung von Turnieren, wenn ich analysieren muss, warum ich welche Hand wie gespielt habe. Außerdem habe ich während des Examens gelernt, unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen.

Siehst du dich irgendwann wieder in der Uni?
Man soll niemals nie sagen, aber ich denke nicht, dass es so kommen wird. Kürzlich hat ein Bekannter mich auch als "nicht beschäftigungsfähig" bezeichnet. Ich denke, das trifft auf viele Menschen zu, die Erfolg in der Selbständigkeit hatten: Der Weg zurück in ein normales Angestelltenverhältnis ist schwer vorstellbar. Mir geht es dabei auch nicht in erster Linie um Geld, sondern vielmehr darum, mir meine Zeit und Aufgaben selber einteilen zu können. Nine-to-Five ... puh, das geht gerade nicht mehr.

Trotz deines Lebens in der Poker-Glitzerwelt hast du den Blick für das Wesentliche nicht verloren und ein Charity-Projekt ins Leben gerufen ...
Ich bin jetzt seit fünf Jahren im Pokerzirkus und ich liebe es. Aber vor einiger Zeit habe ich nach und nach eine gewisse Leere in mir festgestellt. Mal gewinnst du, mal verlierst du – aber was für einen Sinn ergibt das auf Dauer, wenn man sich anschaut, was für schreckliche Dinge auf der Welt passieren? Ich bin dann durch einen Freund auf "Effektiven Altruismus" aufmerksam geworden. Wir haben uns überlegt, dass wir viel erreichen könnten, wenn Pokerspieler einen Teil ihrer Gewinne spendeten. So würde eine Menge Geld zusammenkommen und die Spieler würden sich noch besser fühlen bei dem, was sie tun. Die meisten Pokerspieler sind keine Egoisten, viele haben das Bedürfnis, Gutes zu tun und so waren die Reaktionen auf unser Projekt "Raising for Effective Giving (REG)" bisher wirklich fantastisch.

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