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03. Dez 2012

Jens Wiesner

Archiv

WG, Studentenwohnheim, allein oder bei den Eltern wohnen?

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Vier Studenten berichten

Die eigene Wohnung

Wiebke Plasse (24), Fachjournalistik, Hochschule Bremen:

"Alleine wohnen gefällt mir am besten. Ich finde es wichtig, einen Ort zu haben, an den man sich komplett zurückziehen kann – und auch mal eine Woche lang nicht reden braucht. Vereinsamen muss man ja trotzdem nicht: Bei Bedarf nach Gesellschaft lade ich meine Freunde ein – und die übernachten dann auch bei mir. Die ganze Zeit mit ihnen zusammen leben möchte ich aber nicht. Ein paar meiner Freundinnen haben sich daraufhin mächtig zerstritten.

In der eigenen Wohnung muss man erst gar keine Kompromisse schließen, ob beim Putzplan oder bei der Einrichtung. Und so teuer ist das eigene Zuhause auch nicht: In Bremen zahle ich für eine kleine Wohnung oft nur 50 bis 100 Euro mehr als für ein WG-Zimmer. Im Moment wohne ich übergangsweise wieder bei meinen Eltern, aber denen gefällt es natürlich gar nicht, dass ich jetzt wieder ausziehen möchte. Wenn man alleine wohnt, macht es auch viel mehr Freude, auf einen Besuch zuhause vorbeizuschauen."

Pro

  • Ihr braucht auf (fast) niemanden Rücksicht nehmen. Egal, ob ihr nackig durch die Bude lauft, einen Haufen Freunde zum Übernachten einladet oder Fliegen um den Mülleimer kreisen.
  • Zum Lernen perfekt: keine nervigen Spontanpartys während der Klausurenphase, keine aufgedrehte Musikanlage oder ungewollte Beischlafgeräusche von nebenan.

Contra

  • Vereinsamungsgefahr: Gerade wenn ihr in eine neue Stadt zieht, fällt euch die Decke schneller auf den Kopf, als euch lieb ist.
  • Das Konto weint. Mit wenigen Ausnahmen ist alleine wohnen immer noch die teuerste Wohnform.

Die Wohngemeinschaft (WG)

Lisa Meierkord (27), Master Geschichte, Uni Bonn:

"Ich habe fünf Jahre in Münster in einer einzigen WG verbracht und musste mich zwingen, auszuziehen. Hier in Bonn habe ich mir dann gleich eine neue WG gesucht. Gerade, wenn man zum Studieren in eine neue Stadt kommt, ist das einfach die beste Möglichkeit, Leute kennenzulernen. Außerdem finde ich es schön, wenn man 'Hallo' rufend nach Hause kommt und es schallt ein 'Hallo‘ zurück. Dass du eine perfekte WG gefunden hast, merkst du ziemlich schnell: daran, wenn du dich spontan in der Küche zum Kochen und Kaffeetrinken treffen kannst und gleichzeitig keiner ein Problem damit hat, wenn du deine Zimmertür auch mal hinter dir zumachst.

Man braucht sein eigenes Reich – auch wenn es nur 16 m² groß ist. Aber man sollte sich schon bewusst sein, dass in einer WG ganz unterschiedliche Vorstellungen von Wohnen aufeinanderprallen: Manche Leute müssen erst dreimal über den Müllsack stolpern, bis sie auf die Idee kommen, ihn auch mit runterzunehmen. Wer in eine WG zieht, sollte also eine gewisse Grundtoleranz mitbringen, kein Putzteufel sein."

Pro

  • Im idealen Fall wird die WG zum Familienersatz – allerdings ohne nervige Bevormundung und Ausgehzeiten. Wenn der Schuh drückt, setzt man sich einfach mit einer Weinflasche an den Küchentisch.
  • Wer sich Wohnraum teilt, der spart eine Menge Kohle. Nicht nur bei der Miete, auch bei Nebenkosten, Internet und Einrichtung.

Contra

  • Der falsche Mitbewohner kann zum Alptraum werden.
  • Kompromisse beim Putzen und Spülen sind unvermeidbar. Und stellt euch darauf ein, dass es irgendwann deswegen kracht. Der perfekte Putzplan wartet noch auf seine Erfindung.

Bei den Eltern

Nicky Wong (24), Film- und Fernsehregie, die Medienakademie AG:

"Ich habe mein gesamtes Studium über zuhause gewohnt und tue es immer noch. Bisher hatte ich einfach nie dieses ‚Ich muss weg!‘-Gefühl und über zu wenig Privatsphäre kann ich mich auch nicht beklagen. Tatsächlich ist das Leben zuhause so wie in den Klischees: Meine Wäsche wird gewaschen, man kommt nach Hause und das Essen steht auf dem Tisch – und zwar ausgewogenes. Bei meinen Kumpels gibt es oft nur Spaghetti und Pizza.

Eins weiß ich daher jetzt schon: Wenn ich einmal alleine wohne, wird auch bei mir richtig gekocht! Vielleicht bin ich faul, aber all diese Annehmlichkeiten sind es mir echt wert, zuhause zu leben. Und natürlich ist es unschlagbar günstig."

Pro

  • Günstiger als bei den Eltern wohnt es sich nicht. Es sei denn, sie verlangen 'Kostgeld‘, also eine Beteiligung an Miet- und Essenskosten.
  • Der alte Freundeskreis liegt weiterhin in erreichbarer Nähe – wenn die Freunde nicht selbst weggezogen sind.
  • Helge Schneider hatte recht. Mutter ist die beste Frau. Und der Schrank ist immer voll Butter.

Contra

  • Der Satz "Ich wohne noch bei meinen Eltern!" ist bei Dates ein absoluter Abtörner.
  • Meistens liegt die Uni nicht in der Nachbarschaft. Pendeln kostet Zeit, Geld und Nerven. Und während der Rest des Kurses die Nacht durchmacht, hockt man allein zuhause.

Das Studentenwohnheim

Edith Mandla (26), Jura, Uni München & Uni Münster:

"Bevor ich nach Münster gewechselt bin, habe ich zwei Jahre im Schollheim in München gewohnt. Leider nur zwei Jahre. Ich vermisse das Wohnheimleben noch immer, es war eine einmalige Zeit! Man ist ständig von Leuten umgeben, die sich in der gleichen Lebensphase befinden wie man selbst. Egal ob du zum Briefkasten gehst oder in den Waschkeller – irgendwen trifft man immer. Außerdem gab es einen Billardraum und eine Kellerbar, in der wöchentlich gefeiert wurde. Was natürlich auch nerven kann, wenn jemand nachts betrunken in dein Zimmer stolpert, weil er dich zum Mitfeiern animieren möchte.

An Privatsphäre hat es mir trotzdem nicht gefehlt. Wir waren zwölf Leute auf unserem Flur. Die Hälfte hat viel miteinander zu tun gehabt, man hat zusammen gekocht, ist gemeinsam ausgegangen. Von der Einrichtung her war unser Flur aber sehr steril. Die Gemeinschaftsduschen und Toiletten fand ich dagegen gar nicht schlimm, eher lustig: Man konnte gleichzeitig duschen und sich unterhalten."

Pro

  • Wohnheimzimmer gibt es in unterschiedlichen Preisklassen: In manchen lebt es sich günstiger als in einer WG. Wer mehr auf den Tisch legt, bekommt Singlewohnungsqualität für einen vergleichsweise niedrigeren Preis.
  • Wer ein gutes Wohnheim erwischt, muss nie allein sein: wöchentliche Partys, gemeinsames Kochen – und die besten Freunde leben einen Steinwurf entfernt.

Contra

  • Wartelisten: Wer Pech hat und in eine beliebte Uni-Stadt zieht, kann monatelang auf einen Wohnheimplatz warten.
  • Irgendwann ist Schluss. Die meisten Wohnheime setzen ihre Mieter nach einer bestimmten Wohndauer automatisch vor die Tür.
  • Untervermietung nicht möglich. Wer ein Praktikum oder Auslandsjahr machen will, muss weiter zahlen oder ausziehen. Wer auszieht, muss sich neu auf einen Platz bewerben – kommt eventuell wieder auf die Warteliste.

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